Lea-Won lebt von Eistee-Pulver!

23. März 2010 § Ein Kommentar

Lea-Won, gesprochen Lee One, gab sich mit 15 diesen Namen. Eine Mischung aus seiner Affinität zu Asien und seinem bürgerlichen Namen – Lion Häbler. Als Lion 1984, seinem Geburtsjahr, hat er 2008 einige Texte auf Beats von seinen LieblingsmusikernInnen veröffentlicht – im Internet, zum kostenlosen Download. Dadurch haben wir uns vor Jahren auch kennengelernt. Mittlerweile hat er außerdem ein Album mit Produzent Nad, namens Lautleben veröffentlicht sowie ein Projekt mit Produzent Nexus‘ Child – unter dem Namen Indem. Vor kurzem erschien die gemeinsame EP mit Defoos Farbe verleihen, die ich als Anlass genug für ein Interview sah:

Deine Texte sind oft politisch motiviert. Wofür kämpfst du denn?

Ein Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Ein Ende der psychischen und physischen Unterdrückung und Selbst-Geiselung. Soziale Revolution. Sowas in der Art. Ich kämpfe für mich. Dieses mich existiert aber nicht im Luft-leeren Raum. Sondern in allem, was mich umgibt und mich prägt, in Verbindung und Kommunikation mit den Menschen, auf die ich angewiesen bin oder die mich beeinflussen und beeindrucken. Sie heben mein Alleine-Sein auf. Ich versuche, meine Sinne offen zu halten, meinen Geist zu schärfen und die Welt zu entdecken, erforschen und zu begreifen, statt vor ihr zu flüchten. Ich strebe grundlegende soziale Veränderungen an, die auch nicht komplett ohne Veränderungen in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen funktionieren werden. Ich beschäftige mich mit verschiedenen Fragen und meine Standpunkte erweitern oder ändern sich da auch über die Jahre hinweg, je nachdem, was ich erlebe und wen oder was ich kennenlerne. Ich hab keine Antworten oder Vorlagen, sondern diskutiere mit mir selbst mit anderen, teste meine Ideen, Gedanken und Erwartungen an anderen aus. Natürlich gibts da teilweise auch Rap-Tracks, in denen ich Ansagen bringe, die eher direkt rüberkommen und meine Wut ausdrücken sollen. Wenn ich ein Lied über den Streik von Tausenden in der Türkei mache, dann deshalb, um mein Umfeld darauf aufmerksam zu machen und mich mit denjenigen zu solidarisieren.

Ich versuche einfach, klar zu kommen. Was mich zur Zeit beschäftigt sind zum Beispiel so Dinge wie Entfremdung im Kapitalismus, das Thema Geld und Arbeit, weil diese Themenfelder für mich viel mit unserem sozialen Zusammen- beziehungsweise Auseinanderleben zu tun haben. Mal ganz abgesehen von den emotionalen Spannungsfeldern Liebe und Hass, die natürlich immer prägend und inspirierend bleiben.

Bist du eher ein Technik-Nerd? Oder ist dir der Inhalt wichtiger?

Ich habe schon Spaß und Freude an dem, was man Technik nennt, sonst würde ich ja nur Bücher schreiben oder komplett auf die Verbindung mit Musik und auf Reime verzichten. Es geht aber immer um den Gesamteindruck, und manchmal macht es mehr Sinn, so zu flowen, wie man auch frei von Musik mit jemandem sprechen würde, oder die Reime mal ganz wegzulassen, wodurch die Ästhetik und Harmonie der Aussage gebrochen werden kann. Das Übel vieler deutschsprachiger Raps sind diese Zweckreime. Reime an sich sind eine spannende Sache und im Endeffekt nur das, woran sich das Gehirn und Gehör erinnert. In dem Sinne sind für mich unreine Reime auch interessanter. Nicht nur deshalb, weil dadurch mehr Spielraum und Überraschungsmoment erzeugt werden kann.

Deine EP mit Defoos Farbe verleihen ist da. Wie sind die Reaktionen bisher?

Es gibt direktes Feedback von Leuten, die sowohl die synthetischen Sachen des Indem-Projekts gefeiert haben, als auch jetzt Farbe verleihen fühlen können. Was eben ausschließlich auf Beats von Defoos entstanden ist. Das zeigt mir auch, dass bei aller Unterschiedlichkeit der Projekte, das schon seine Stimmigkeit hat. Wir haben uns nach langem Überlegen, ob wir diese fünf Tracks nur als Demo an ausgewählte Labels schicken sollen, dazu entschieden, das gleich zum free Download ins Netz zu stellen. Zum einen wissen wir nicht, was ein Label im Moment sinnvolles für uns tun könnte, zum anderen sind die einzigen coolen Labels im Moment eher Kollektive die aus persönlichen Cliquen bestehen. Außerdem ist im Internetzeitalter ja jeder und jede, der mit der Musik erreicht wird, am Ende das, was man ein Label nennen könnte. Wir suchen damit einfach nach Leuten, denen es gefällt, was wir machen, und die uns dann dadurch helfen können oder wollen, dass sie Auftritte organisieren, den Link zur EP weiterleiten, mit uns ein Video drehen, uns bisschen Geld spenden oder – so wie du jetzt – uns ein bisschen Platz geben.

Das konkrete Feedback ist auch ganz interessant. Die EP enthält halt am Anfang zwei eher euphorisch-positive, fast poppige Tracks, auf die dann drei weitere Songs folgen, welche eher düster-melancholisch daherkommen. Dieser Eindruck von uns selbst lässt sich auch am Feedback ablesen, weil manche Menschen entweder die eine Seite, oder die andere Seite feiern. Gibt aber auch Leute, die alles mögen. Jemand hat den Unverletzlich Track etwas voreilig interpretiert und dachte, da ginge es um Gewalt-Erfahrungen, die ich persönlich gemacht hätte. Also darum, dass mich jemand abstechen will. Derjenige übersah so ein bisschen, dass der ganze Song metaphorisch aufgebaut ist und das Messer, die Bomben und Pistolenschüsse in den Strophen natürlich nicht wörtlich zu nehmen sind, sondern – wie das bei Metaphern nun mal so ist – symbolisch für etwas anderes stehen. Zu Unverletzlich wollen wir vielleicht noch ein Video machen, wobei das nur Sinn macht, wenn wir uns mit Requisite und Schauspielerei Mühe machen, und auch zu den Songs Phantomschmerz und Machs gibt’s noch Video-Umsetzungs-Ideen. Wo ist das Geld hin? wurde richtig als Kommentar zur Finanzkrise verstanden, wobei der natürlich auch doppeldeutig auslegbar ist und ich da deshalb auf weiteres Feedback gespannt bin, und auch live aufpassen muss, dass das richtig und nicht falsch aufgenommen wird.

Willst du einn paar Worte zur Entstehung sagen? Wie lief die Beatauswahl?

Defoos hab ich über meinen Bruder kennengelernt. Mein Bruder hatte mir 12 Beats von Defoos gegeben. Ich hatte dann direkt schon Sachen geschrieben und war ziemlich begeistert. Dann traf ich Defoos, er gab mir mehr Beats und so kam eines zum anderen. Ein paar der Lieder, die jetzt auf der EP sind, wie Unverletzlich, Wo ist das geld hin und Machs, entstanden aber schon vorab entweder ohne Instrumental oder auf andere Beats. Auf die Sachen von Defoos hat das dann aber am meisten Sinn und Spaß gemacht!

Wie läuft der Vetrieb? Wieder aus’m Rucksack?

Der Rucksack heißt heutzutage Internet. Aber ich verteile auch gerne außerhalb des Internets CD-Hüllen mit Download-Links oder Sticker, die wir gemacht haben lassen. Die Reaktionen sind sehr gut. Auch den letzten Hatern fällt mittlerweile auf, dass ich gar nicht so ein schlechter Rapper bin wie sie es sich erhofft hatten, und dass Defoos einfach schöne Samples pickt und diese klasse zusammen-bastelt. Wir haben nicht groß verschickt, sondern erstmal nur einzeln und persönlich an ein paar Blogger den Link weitergegeben. Wir sind auf solche Menschen angewiesen beziehungsweise hoffen einfach darauf, dass diese direkt-demokratische Art und Weise im Internet dazu beihilft, dass Leuten, denen die EP gefällt, diese eben weiter verteilen.

Was hast du noch in der Pipeline? Was kommt nach Farbe verleihen?
farbe verleihen EP, 2.2010 // mp3-download Link auf mail-anfrage
Defoos und ich haben genügend Instrumentals und Texte, die jetzt auf ihre Passlichkeit abgestimmt werden. Zum Glück hat mir jemand ein Mikrophon geliehen, wodurch ich auch daheim aufnehmen kann. Glück für mich, schlecht für mein Berufsleben und die wack MCs. Desto mehr Leute uns spenden überweisen, desto eher wird das Album dann auch gut gemischt und gemastert sein. Wir haben schon vor, ein Album zu machen und so oder so mach ich ja eh immer was. Ich hab nach zwei Jahren Pause auch wieder selbst angefangen, Beats zu machen und da paar Ideen, die so noch von niemandem umgesetzt wurden.

München: Ist die Szene noch aktiv? Creme Fresh scheint zumindest das neue Aushängeschild zu werden.

Mh, ja. Ich denke, die Probleme sind dieselben wie woanders auch. Es gibt einerseits die HipHop-Parties, bei denen die meisten DJs nur das spielen, was sie von den anderen DJs ausm Club schon kennen, und wo es auch keine Lebendigkeit gibt, so dass beispielsweise bei diesen Parties, bei denen auch getanzt wird, MCs zum Mic greifen, um mal spontan paar Hostings oder Freestyles zu kicken. Das ist dann meistens eher langweilig. Bei den Jamsessions mit Live-instrumenten steigert sich die Akzeptanz für MCs, aber es ist da immer noch so, dass viele – sowohl Musiker, als auch Rappende – zu wenig Platz und Rücksicht auf die anderen nehmen, so dass es am Ende eher ein Durcheinander – statt einem Miteinander wird.

Creme Fresh machen ihre Sache gut und ich feier die ja eh seit 2001, wenn auch nicht mehr alles, was und wie die machen. Außerdem gibts ne düsterere, politischere Crew namens Guerilla System, und auch Leute, die produktionstechnisch Sachen machen, die mir vor allem musikalisch taugen, so wie Doppel D oder Contra Modulator. Ansonsten gibts auch ne türkisch-rappende Szene und natürlich paar Leute, die ansonsten so ihren HipHop-Film schieben. Dann gibts auch noch die Ecke um 88:Komaflash und Misanthrop, die ihr Ding eher theatralisch bis düster und intellektuell bis philosophisch machen. Die meisten dieser Sub-Szenen sind aber eher Freundes- und Bekanntenkreise untereinander. Außerdem ist letztens ein hervorragender Rap-Poet nach München gezogen, den ich ursprünglich über seine alte Crew QTS aus Darmstadt kenne. Vidi Verve alias Anatol Anderswo – checkt den aus!

Meine alten Gefährten aus der Kombinat-Zeit machen jetzt größtenteils ganz andere Dinge. Dann gibts in München auch noch Louis Cypher, der so die düster-selbsttherapeutische Schiene fährt und natürlich auch die Vier-zu-Eins Crew aus dem 58beats-Umfeld. Von denen fusionierte Roger Rekless letztens auch mit Boshi San, der wiederum von der Raggasnodaclick ist, die mit Live-Instrumenten und ganzer Band machen. Und natürlich Blumentopf und Fiva MC, die kennt ja mittlerweile jeder und jede.

Von der Öffentlichkeit außerhalb der Rap-Szene wird Rap aber nicht mehr so sehr nachgefragt und integriert, wie das vielleicht 2003 oder 2004 noch der Fall war.

Du spielst dich meist quer durch Deutschland. Wie laufen deine Bookings? Organisierst du alles selbst?

Es gab ja mal Anti-Alles-Aktion so als eine Art Booking-Agentur, was jetzt grade so im Wandel ist, weil wir uns da unstimmig waren und sind, in wie weit das ganze als Crew wahrgenommen wurde und ob es das sollte. Das hatte sich damals aus dem HipHop-Partisan Netzwerk entwickelt, was als politisch bewusstes Kollektiv angefangen hatte, aber jetzt nur noch ein offenes Internetforum ist. Ansonsten hoffe ich, dass Leute mich finden und direkt mit mir Kontakt aufnehmen. Live ist immer wieder ein einzigartiges Erlebnis und mir sehr wichtig, dass diese ganze Kunstform nicht nur das autistische Daheim-machen hat, sondern das direkte und verbindende, was es eigentlich sein sollte. Studio-Tracks gelten für mich persönlich oft nur als eine der möglichen Versionen und Skizzen.

Wovon lebst du? Was passiert bei dir neben Rap?

Mein Vater zahlt meine 1-Zimmer-Miete, ich verdiene durch Nebenjobs Geld für mein eigenes Essen und für meine Tochter. Bisschen Geld kommt durch Rap, muss aber nicht. Im Moment lebe ich hauptsächlich von Eistee-Pulver, welches sich in Wasser auflösen lässt und gut als Nahrungsersatz funktioniert, wenn man Hunger hat. Und ansonsten lebe ich halt von Luft und der Rest-Liebe, die ich mir vorstelle und dem bisschen Liebe, was ich irgendwo entdecke und aufsammle. Außerdem studiere ich natürlich so nebenbei. Institutionalisiert ist das im Moment eine Mischung aus Politikwissenschaften, Rechtsfragen und VWL. Außerhalb der Uni auch gerne alles andere.

Willst du noch was ansprechen?

Ja. Alles, was du vergessen hast, würde ich noch ansprechen wollen (lacht). Zum Thema Internet: Leute, kommt mal klar! Ich bin erreichbar, ich bin unterwegs, mit mir kann man face2face reden, und ich nutze einfach die Zeit, die mir bleibt, um Dinge anzustoßen und zu kommunizieren, die mir Spaß machen oder mir geistig und psychisch helfen. Internet sollte aber nichts ersetzen, was wir im organischen Leben erleben können, sondern dafür nur ein Anstoß und eine Inspirationsquelle sein. Don’t hate, communicate!

Besten Dank Lion!

Die EP Farbe verleihen (Download hier) gibt es auch auf CD. Die kann bei Auftritten gegen eine Spende erworben werden. Laut Lea-Won helfen bereits 2 Euro, für ein Exemplar der EP würde er sich aber über ein paar Euro mehr freuen! Support the underground…

Hier gibt es mehr Interviews

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