Purkwa schreibt gegen Sätze!

11. Januar 2010 § Ein Kommentar

(Teile des Interviews stehen auch als Video bereit, siehe Links unten)

Drei Jahre nach seinem Solo-Debüt „Piratensender“ erscheint das zweite Album „Gegensätze“ des Bayreuther MCs Purkwa. Der 27-Jährige, mit bürgerlichem Namen Tobias Hauffe, vertraute wieder ausschließlich auf das Können des Frankfurter Produzenten Cradas. Mix und Mastering der 14 Songs seiner Platte überliess er keinem Geringeren als sashliQ, aus dem Umfeld von Curse. Im Interview spricht er über Yanti Records, seine Liebe zu wirklichen Songs und natürlich, sein Album.

holg: Würdest du dich selbst als Che Guevara des Raps bezeichnen?

Purkwa: (lacht) Nein, definitiv nicht. Ich glaube zwar, dass der Kapitalismus als Idee gescheitert ist und als Idee schon immer falsch war. Aber was ich hier tue, ist nicht revolutionär. Zumindest nicht in meinen Augen. Ich würde mich als Antikapitalist bezeichnen, aber ich habe noch keine Antworten oder passende Reaktionen auf diese gescheiterte Idee gefunden. Auch im Hip Hop spiegelt sich das wieder, alles ist heute in dieser Idee gefangen. Jeder hat ein Profil auf Myspace, aber kaum einer von denen spielt wirklich live. Was ich außerdem ablehne, ist das in der Gesellschaft vorherrschende Stellvertretertum. Es ist die Aufgabe unserer Generation jetzt etwas zu ändern. Die bisherige Fehlentwicklung erfordert ein radikales Umdenken, aber leider scheitere auch ich zu oft an diesem Anspruch.

Dennoch werden ihn seine Hörer als revolutionär wahrnehmen. Dies verdankt er Sätzen wie: „Gegensätze ist ein Album wie ein glücklicher Mittelfinger ins Gesicht des Status Quo.“ Aber an seiner Antwort auf die obige Frage merkt man, dass er weiß wovon er spricht. Ungern lässt er sich auf einen Begriff festnageln, da er in der Öffentlichkeit mittlerweile anders besetzt ist als ursprünglich gedacht. Die Sprache ist seine Heimat, man merkt es ihm an.

holg: Du liebst den Umgang mit Sprache, wohin wird sich diese Liebe entwickeln? Weg von Rap?

Purkwa: Nein, ich bin mit meinen Rap-Skills noch nicht da, wo ich hinwill. Da ist noch kein Ende in Sicht. Ich bin mit Rap groß geworden, habe aber erst relativ spät meine Liebe zur Sprache entdeckt. Momentan entsteht ein Gedichtband und ich plane meinen Einstieg in die Poetry-Slam-Szene. Außerdem stehen die Texte für mein drittes Album schon, dass ich möglichst zeitnah nachlegen möchte.

Erstaunlich ist auch die Feature-Politik, die Purkwa betreibt. Gegen den Trend sich durch Einkauf eines Big-Name Aufmerksamkeit zu verschaffen, hat er nur Künstler auf seinem Album, die er auch persönlich kennt. Mit Ausnahme von Wuakyla Styles, die er über Myspace entdeckte. „Es sollten Leute sein, die ich kenne, momentan noch relativ unbekannt sind aber vor allem Skills haben.“ Obwohl sich die Protagonisten alle persönlich kennen, entstand kein Song zusammen, sondern über den klassischen Weg: Filesharing und Telefon. An dieser Stelle nutzt Purkwa die Chance, den „Leuten Probs zu geben“. Den in Prag lebenden Sänger U-cee kennt er schon ein paar Jahre und so entstand auch der erste Kontakt zu IPF-Entertainment, aus dessen Umfeld die meisten Künstler auf seinen Album stammen. El Condorsito spendierte den spanischen Refrain zu „So schön“. Den Demograffics aus Regensburg sagt er eine rosige Zukunft in Deutschland voraus. Die Münchner Sängerin Wuakyla Styles, aus dem Unfeld von Kopfhörer Recordings, verfeinerte den Track „eres preciosa“. Nachdem Purkwa ihren Song mit Donato auf Myspace hörte, war er sofort Feuer und Flamme und schrieb sie an. Er empfiehlt außerdem das Album „Vice & Virtues“ des Berliners Simple, der auf dem Song „Leben“ zu hören ist. Ok, Schluss mit dem Name-Dropping und zurück zu Purkwa.

holg: Deine Songs sind kein Feuerwerk der Rap-Technik. Doubletime-Flows und Triple-Rhymes sucht man bei dir vergebens. Worauf achtest du besonders, wenn du einen Liedtext schreibst?

Purkwa: Ich denke man muss eine gewisse Grundtechnik beherrschen, aber in der Tat, ich bin kein Technik-Nerd. Wenn ich zwischen Twista und Masta Ace wählen müsste, würde ich mich immer für Masta Ace entscheiden. Ich mag den Flow straight. Wenn ich einen Text schreibe, liegt mir besonders am Herzen einen Song zu schreiben. Das kam in letzter Zeit, im Deutschrap, sowieso viel zu kurz. Es geht mir nicht darum 16 Zeilen abzufeiern und dann ist Schluss. Die Hook muss stimmen, die Bridge oder eine coole Break in Verbindung mit den Lyrics, die den Song komplettieren. Dieses Zusammenspielt macht doch einen Song erst aus!

holg: Wie klingen die Songs auf deinem Album? Wie verlief die Auswahl der Beats?

Purkwa: Ich denke, man kann von einem organischen, ja warmen Sound sprechen. Viele Sachen klingen als wären sie live eingespielt worden und einige Instrumente wie Saxophon oder Piano wurden es tatsächlich. Mein Sound knüpft an die alten Sachen an, die ich früher gehörte habe, ist aber trotzdem im 21. Jahrhundert angekommen. Bei diesem Album habe ich mich ein ganzes Stück länger durch die Beat-CDs gehört, die mir Crada zugeschickt hat. Nachdem ich meine Auswahl getroffen hatte, war ich zwei Mal bei ihm in Mannheim. (Mittlerweile wohnt Crada in Frankfurt am Main) Wir haben dort alles aufgenommen und ich bin wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. Crada ist für mich definitiv einer der wichtigsten Produzenten Deutschlands und außerdem jemand der weiß was er möchte und dabei nie vergessen hat wo er herkommt!

holg: Wie wehrst du dich gegen die vorherrschende Download-Piraterie?

Purkwa: In einem anderen System könnte ich mir sehr wohl Lösungen in Urheberrechtsfragen vorstellen. Sei es für Musik, für Bücher oder anderes. Von der Grundidee halte ich es für sinnvoll die Erlangung von Wissen, die Erfahrung von Kunst oder das Hören von Musik nicht von Geld abhängig zu machen. Aber im hier und jetzt, ist die Situation für diejenigen, die etwas schaffen einfach scheiße. Ein Album zu releasen ist nun mal mit finanziellem Aufwand verbunden. Wenn mir dann Leute kommen und sagen: „Ja sei doch froh, so wirst du wenigstens gehört“, dann steckt da schon Wahrheit in dem was sie sagen. Ich antworte aber immer: „Alles klar, dann ist für dich ja sicher auch cool, wenn ich mal einen Monat bei dir einziehe. Oder mir dein Auto mal für eine Woche leihe“. Sein eigenes Eigentum wie Geier verteidigen und das was andere schaffen nicht als Eigentum zu sehen, ist schlicht heuchlerisch. Wenn sich Leute wenigstens über Eigentum ganz prinzipiell Gedanken machen würden. Die Entwicklung in der Musik wird sehr viel Gutes und Wichtiges zerstören. Ich glaube aber, dass wir uns wehren müssen. Nicht durch Klagen und andere Repressionen, sondern dadurch, dass wir als Menschen Alternativen suchen. Veränderung beginnt von unten und muss in die Köpfe. Wenn Rap als wichtigstes Ziel Profit hat, dann braucht sich auch keiner zu wundern, wenn wir auf Konsumenten statt auf Hörer und Unterstützer treffen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit deinem Album!

Hier im Blog kann ich auch mein Experiment präsentieren. Hab ca. 20 Minuten mitgefilmt und davon ca. 13 Minuten bei Youtube online gestellt. Werde ab jetzt jedes Interview mitfilmen und hier ergänzend anbieten.

Purkwa Interview Teil 1

Purkwa Interview Teil 2

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Mehr Informationen:

Purkwa Myspace

Purkwa Homepage

Yanti Records Homepage

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